Predigt zum Nachlesen

02.08.2020 8. Sonntag nach Trinitatis

Johannes 9:1-7

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

da sitzt einer, am Straßenrand. Arm und heruntergekommen sieht er aus. Vor ihm steht ein kleiner Becher. In der Hoffnung auf ein paar Münzen verharrt er am Boden. Der Kopf ist nach unten geneigt. Der Blick geht ins Leere. So können wir es Tag aus Tag ein in den Städten erleben. Da sitzen sie: Männer und Frauen, manchmal mit Hund oder mit kleinem Kind. Manch einer hat ein Schild bei sich: „Ich habe Hunger“ oder auch ein anderer Text. Und die Menschen auf den Bürgersteigen, an den U-Bahnhöfen oder in den Fußgängerzonen, sie gehen vorbei und sehen vorbei. Warum muss dieser Mensch auch noch mir den Weg versperren! Am besten gar nicht hinschauen!

Und mal ganz ehrlich: Was machen wir? Was mache ich? Ein Mensch am Straßenrand kommt immer ungelegen. Da ist gerade keine Zeit für einen Stopp. Da passt es gerade nicht in die Gedanken, die durch den Kopf gehen. So ein Mensch am Straßenrand ist immer eine Störung. Er stört unseren gewohnten Trott, unsere Gedanken, unsere Pläne. Und wir lassen ihn so leicht auch nicht an uns heran. Eher noch kommen Ärger und Ablehnung auf. Und dann geschieht so leicht, was sich auch bei Jesus ereignet.

Da sitzt auch einer am Straßenrand. Es ist ein Mann, der nicht gewohnt war, den Menschen ins Gesicht zu schauen. Denn er war blind. Und dieser Mann saß dort wohl mit gesenktem Haupt. Es wird zwar nicht beschrieben, aber ich kann es mir lebhaft vorstellen. Was um ihn herum sich ereignet, kann er nur mit dem Gehör wahrnehmen. Und er bekommt auch mit, dass da eine ganze Gruppe von Menschen an ihm vorüberzieht. Ja, auch Jesus geht mit seinen Jüngern vorüber. Und es beginnt etwas, das kennen wir zu Genüge. Und mit einem Mal ist uns dieser Blinde ganz nah.
Wie oft erleben wir es im Alltag, dass Menschen über einen anderen reden. Wie schnell sind auch wir dabei, über andere zu sprechen. Nur, wie rasch kann es auch passieren, dass andere über uns sprechen, ohne dass wir es merken, ohne dass wir uns wehren können, ohne dass wir etwas klarstellen können.

Es ist eine große Versuchung, über andere zu sprechen, aber nicht mit ihnen. Und so ist mitunter mancher ganz eifrig dabei, dies oder das zu erzählen und zu berichten und es auszuschmücken. Und so entstehen Gerüchte, Halbwahrheiten und mancher Tratsch, der den Ruf und das Ansehen eines anderen schmälert. Doch was haben wir davon, wenn wir so reden, wenn wir mit einstimmen in den Ratsch und Klatsch? Es scheint, dass dahinter das Verlangen steht, mitreden zu können, auf der Seite derer zu stehen, die Bescheid wissen, also letztlich selber gut dastehen zu wollen. Peinlich wird es nur, wenn sich herausstellt, dass das, was man zum Klatsch beigetragen hat, nicht wahr ist. Aber dann ist ja schon der Ruf des anderen in Mitleidenschaft gezogen. Aber was soll’s? Mit den Promis macht man es doch auch so. Wenn wir an die vielen Klatschzeitungen denken, dann sehen wir die blühende Phantasie der Tratschjournalisten.

Wenn die Gerüchteküche aber plötzlich einen selber betrifft, dann wird es unangenehm. Wenn die anderen einen schräg anschauen, nicht mehr mit einem reden und einen einfach links liegen lassen, wenn man auf einmal spürt, dass da etwas im Busch ist, dass da etwas kursiert, was nicht so recht zu fassen ist, dann beginnt das zu schmerzen in der Seele.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es dem Blinden jener Tage gegangen ist, wenn die Menschen über ihn gesprochen haben. Und auch jetzt muss er es erleben. Selbst Jesus mit seinen Jüngern macht da keine Ausnahme. Die Jünger interessieren sich für eine Frage, die auch wieder das Klatschmilieu jener Zeit belebt hat. Wer hat da gesündigt?

Das bereitet Freude, in den Wunden der anderen herumzubohren. Dieser Mann ist blind. Das muss doch eine Ursache haben. Da hat doch sicherlich jemand etwas falsch gemacht. In jener Zeit hat man oft im sogenannten Tun-Ergehen-Zusammenhang gedacht. Alles muss einen Grund haben. Und wenn es einem schlecht geht, wenn man irgendein Handicap hat, dann muss da zuvor etwas geschehen sein. So wie man sich verhält, so wird es einem ergehen. Und wenn die Ursache bei einem selber nicht ausfindig zu machen ist, dann muss es aus der Elterngeneration kommen. Da mag durchaus etwas dran sein. Wer ständig ungesund lebt, muss damit rechnen, dass der Körper unter diesem fortlaufenden Raubbau zugrunde geht. Das kann uns auch die moderne Medizin bestätigen. Und in der Psychologie kennen wir die Familienaufstellungen. Dabei zeichnen sich mitunter Folgen auf das eigene Leben ab, die aus früheren Generationen stammen. Dennoch wird auf der anderen Seite spätestens seit Hiob deutlich, dass es auch ein Leiden ohne Grund geben kann, zumindest ohne persönliches Verschulden.

Für die Jünger stellt sich jedenfalls die Frage: Wer hat gesündigt, der Blinde oder seine Eltern? Doch diese Frage bringt uns nicht weiter. Sie ist schmerzhaft für den Blinden und sie bringt weder ihm noch einem anderen etwas für das weitere Leben.

Doch nun geht Jesus den entscheidenden Schritt. Er redet nicht weiter über den Blinden, sondern er wendet sich ihm zu und spricht ihn an. Aus der schmerzvollen Distanz wird mit einem Mal eine liebevolle Nähe. Und das hat der Blinde sicherlich gespürt. Ich werde ernst genommen. Ich bin nicht mehr nur ein Objekt des Tratsches. Ich bin jemand. Jesus nimmt mich ernst.
Und das ist auch das, wonach sich insgeheim die Menschen am Straßenrand unserer Tage sehnen. Sie wollen als Menschen wahrgenommen werden, als Menschen mit Würde. Und so ist dieser Schritt Jesu ein ganz grundlegender Schritt. Und wenn ich es noch so eilig habe, ich kann einen freundlichen Blick und Gruß dem Menschen am Boden entgegenbringen. Damit mache ich deutlich: Du bist nicht Dreck für mich. Du bist genauso wertvoll wie jeder andere. Und das tut gut.

Ja, das tut auch uns gut, wenn andere nicht über uns sprechen, nicht wieder zerhacken, was man angeblich gesagt oder getan hat, sondern wenn mit uns gesprochen wird. Und da kann es ja auch ganz entscheidend sein, einen andere Sicht der Angelegenheit zu hören, einfach mal zu sehen, wie eine andere Perspektive aussieht.

Die andere Sicht, das ist es, worum es Jesus geht. Lasst uns nicht zurückblicken. Schaut nicht auf die Vergangenheit, auf das, was da schief gelaufen sein kann. Richtet Euren Blick lieber nach vorne. Denn jetzt ist die Zeit zu handeln. Jetzt kommt es darauf an, was wir dem Blinden geben können.

Doch da bleiben wir erst einmal an einem merkwürdigen Satz hängen. Jesus macht zwar deutlich, dass es nicht um die Frage geht, wer gesündigt hat, aber er sagt: Das ist geschehen, damit Gottes Werke offenbar werden an ihm. Da muss ich – offen gestanden – erst einmal schlucken. Soll das wirklich heißen, dass Leiden dazu da sind, Gottes Wirken zu veranschaulichen? Da bin ich dann auch ganz schnell bei der Frage: Warum lässt Gott überhaupt Leid zu? Das kann doch nicht dazu sein, dass durch das Leiden von Menschen auch noch Gott groß gemacht wird!
Wenn ich diese Worte richtig verstehe, dann geht es Jesus aber um etwas anderes. Er macht mit seinen Worten klar, dass auch Menschen mit Handicap wertvoll sind, dass sie keine Menschen zweiter Klasse sind. Und weil Gottes Liebe so groß ist, dass jeder Mensch in Gottes Blick ist, kann er auch an einem Menschen mit Handicap ganz besonders veranschaulichen, wie seine Liebe das Leben verändert. Gott möchte Zukunft schenken.

Jesus wendet sich dem Blinden am Straßenrand zu. Und seine Zuwendung verändert das Leben des Blinden. Mit einem Mal ist er nicht mehr am Rand, nicht mehr nur Gesprächsstoff. Mit einem  Mal ist er im Blick der zuwendenden Liebe Jesu. Jesus nimmt sich seiner an. Er möchte seinem Leben Heilung schenken, und das zuerst dadurch, dass er ihm signalisiert: Du bist vollwertig. Darüber hinaus wird Jesus auch medizinisch aktiv. Vielleicht haben wir im ersten Moment gesagt, das ist ja ekelhaft. Aber das ist eine alte Heilmethode. Der Speichel wirkt desinfizierend. Und nicht umsonst schlecken sich viele Tiere gegenseitig ab zur Reinigung. Jesus legt diese heilende Masse auf die Augen des Blinden. Doch noch immer ist er nicht geheilt. Am Ende stehen noch Worte Jesu. Es ist ein Auftrag. Geh, mach dich auf, geh zum Teich und wasche dich. Siloah heißt der Teich. Das bedeutet: gesandt. Jesus setzt den Blinden in Bewegung. Er soll seinen Platz der Armut und Demut, seinen Platz der Schmach und der Verletzungen, seinen Platz der erfahrenen Ausgrenzung und Missachtung verlassen. Er soll sich waschen, also all das, was an ihm haftet, ablegen. Er soll sich, sein Leben, seine Seele reinigen lassen. Und somit soll er neu anfangen können.

Grundlegend ist auch hier der Wechsel der Blickrichtung. Und das ist auch für uns und unser Leben von Bedeutung: Mach dich auf! Bleib nicht bei Deinen Verletzungen und Niederlagen der Vergangenheit stehen. Blick nach vorne! Wasche alles ab, was Dein Leben beschmutzt! So wirst Du sehend, sehend für die Liebe Gottes, die an Dir wirkt und Dich heil macht und die Du weitergeben kannst. Geh nicht vorbei an dem, der am Boden ist. Rede nicht über andere, sondern mit ihnen. Das verändert auch Dein Leben.

Ihr Pfarrer Carsten Klingenberg